Themen aus der Gesellschaft - psychologisch und kommunikativ analysiert
00:00:02: Feindseligkeit soll man ablegen, Nettigkeit und Freundlichkeit soll man kultivieren.
00:00:07: Lächeln ist Trumpf.
00:00:09: So pauschal unterschreiben wir das von der Nahbetrachtung nicht.
00:00:12: Wir setzen auf produktive Feindschaft, auf motivierendes Ärgern, auf anregenden Wettbewerb.
00:00:18: Und wie sie konstruktive Feinde finden, die sie weiterbringen, darum geht es heute in dieser Folge zum Thema produktive Feindschaft mit Diplompsychologin... Maria Cristina Nimmerfro.
00:00:29: Und Kommunikations- und Medientrainer Tom Buschardt.
00:00:42: Gelassen und befreit von negativen Gedanken durchs Leben schreiten, so liest man es ganz oft, vor allen Dingen in den Bestseller-Listen.
00:00:51: MC schüttelt hier heftig den Kopf.
00:00:53: Hast du es nicht so mit positiver Psychologie als Psychologe?
00:00:57: Ich
00:00:58: habe überhaupt nichts gegen positive Psychologie.
00:01:00: Und die Grundkritik ist ja auch richtig, dass sich die psychologische Forschung immer sehr lange mit Defiziten beschäftigt hat.
00:01:07: Aber das ist echt lange vorbei.
00:01:08: Und mit diesem, ich nenne es jetzt mal positiv weichgespülten Empfehlungen.
00:01:13: Man möge sich von allem befreien und nur noch irgendwie wohlgemut und gelassen durchs Leben leiten lassen.
00:01:20: Davon halte ich tatsächlich wenig, denn es spielt unseren Alltag einfach nicht wieder.
00:01:24: Also es gibt, vielleicht gibt es Menschen, auf deren Lebenskonsolation.
00:01:27: und das irgendwie passt.
00:01:28: Aber ich glaube, der Alltag ist schon davon geprägt, dass man sich von morgens an über das eine oder andere ärgert und sich immer nur sagen zu müssen, oh, ich muss jetzt irgendwie alles annehmen vom Verkehrsstrau über nörgelnde Kinder bis dann zu Kolleginnen und Kollegen, die einem auf die Nerven gehen.
00:01:43: Das halte ich eher für eine zwanghafte Form des Umgangs damit.
00:01:48: Und deswegen finde ich das nicht gut.
00:01:49: Deswegen habe ich mir auch überlegt, wir machen was zum produktiven Feinden, nämlich wie wähle ich Feinde richtig aus?
00:01:57: richtig mit ihnen um.
00:01:58: Denn das Grundproblem, was die positive Psychologie ja auch und auch diese Bestseller ja zu lösen versuchen, ist ja, dass man sich viel zu viel ärgert und über allen Mühchen kramm, den man sowieso nicht ändern kann.
00:02:10: Und da würde ich gerne was tun.
00:02:12: Aber die Frage ist natürlich jetzt, du hast gesagt, der unser Alltag sieht anders aus.
00:02:16: Ja, das mag so sein, aber wäre es nicht ein Gesellschaftsmodell, wo man sagt, danach streben wir denn?
00:02:23: Natürlich ist es besser, sich ein Alltag selber zu gestalten, der weniger ärger anfällig ist.
00:02:29: Und ich glaube, dass wir alle ein ganz großes Händchen dafür haben, uns Ärger aufzuladen.
00:02:36: Also sei es durch die Terminplanung, durch die Selbstoptimierung, durch irgendeine Leistungsstreben, durch eben die Auseinandersetzung mit Dingen, die man nicht ändern kann.
00:02:46: Und da kommt jetzt wieder so Bullshit-Bingo, die immer komplexen, da werdende Lebensrealität.
00:02:52: die wahnsinnig hohen Erwartungen, die man an sich hat.
00:02:55: Also man muss ja die beste Führungskraft von allen, die beste Mutter, der beste Vater, das beste Enkelkind.
00:03:01: und überhaupt muss irgendwie alles immer das Schönste und das Beste sein und in allen Facetten.
00:03:05: Das ist definitiv nicht gesund und so schafft man sich natürlich unglaublich viele Baustellen für möglichen Ärger.
00:03:11: Aber das ist doch genau das, wonach insbesondere Social Media viele Menschen so streben, dass man immer vorne ist und das alles schön ist und das alles möglichst glatt ist.
00:03:21: dass sie selbst Inszenierung betrifft?
00:03:23: Also, dass alles schön ist und dass alles schön und angenehm ist.
00:03:26: Das würde ich ja noch unterschreiben.
00:03:29: Alles andere halte ich für absolut fragwürdig.
00:03:33: Wir haben in der Psychologie natürlich das Konzept des Leistungs- und Optimierungsstreben.
00:03:37: Das sind Menschen, die hochleistungsmotiviert sind.
00:03:41: Und dieses Leistungsmotiv kann sich auf unterschiedliche Bereiche erstrecken.
00:03:44: Das kann Schule und Hochschule sein.
00:03:46: Das kann die berufliche Tätigkeit sein.
00:03:49: Das kann aber auch ... den schlanksten und sportlichsten Körper sein haben.
00:03:54: Und das ist ein Streben, was man aus psychologischer Sicht ... Als nicht ganz einfach bezeichnen kann, weil diese Leute kommen auch relativ weit, die lassen sich von außen ansporen und da gibt es einen Kennzahlen, die sie irgendwie erreichen wollen.
00:04:06: So zufriedenheit führt das nicht.
00:04:08: Also das, was diese Ziele immer suggerieren ist, am Ende des Tages, wenn du das wirklich alles, alles, alles gemacht hast, Gesundheit optimiert, Familie optimiert, Berufsleben optimiert, dann wirst du zufrieden und glücklich.
00:04:20: So in dieser letzte Schritt, der tritt eigentlich nicht ein.
00:04:22: Aber diese Suggestion kommt die durch die Werbung, weil die Industrie sagt oder auch das Dienstleistungsgewerbe sagt, solange die Menschen immer nach Strebend können wir den auch möglichst viel verkaufen.
00:04:31: Gerade zum Jahresangfang nehmen sich ja viele wieder was vor, zu optimieren, zu verbessern, weil man halt am Ende des Jahres zwischen den Feiertagen auch Resume gezogen hat.
00:04:41: Also was seelisch tatsächlich nicht gesund ist, ist immer jemand anders sein zu wollen.
00:04:46: Also die einzige Person, von der wir uns wirklich nicht trennen können, ist die eigene Person.
00:04:51: Und wir missachten an der Stelle, dass wir eine Menge stabile Merkmale mitnehmen durch unser Leben.
00:04:57: Also beispielsweise in physiologischer Hinsicht, dass besonders breite Kreuz oder die Augenfarbe oder die Hautfarbe, da kann man immer noch so ein bisschen was drehen, ja, durch Kosmetik oder andere Sachen.
00:05:09: Aber zum Beispiel die die originäre Körperform, ob jemand klein und zierlich ist oder besonders schlank oder eher zu einer breiteren Statur neigt.
00:05:18: Da können wir uns auf den Kopf stellen, da tut sich nicht viel, wie Schuhgröße oder so.
00:05:22: Und jetzt kommt der Move.
00:05:24: Wir denken immer, unsere psychischen Merkmale seien genauso veränderbar.
00:05:28: Ich muss nur morgens aufstehen und irgendwie mit kaltes Wasser ins Gesicht werfen und plötzlich werde ich diszipliniert und leistungsmotiviert und ordentlich.
00:05:35: Das funktioniert nicht.
00:05:37: Aber
00:05:37: viele Motivations-Trainer.
00:05:38: natürlich bewusst als männliche Bezeichnung.
00:05:44: Sagen ja, man soll sich morgens von Spiegel stellen und immer sagen, ich bin der Größte, ich bin erfolgreich, ich werde heute so und so viele Abschlüsse machen und so weiter.
00:05:51: Und behaupten natürlich dann auch, dass das entsprechend motiviert.
00:05:54: Ich nehme mal die drei Sätze, die du gerade ausgewählt hast auseinander und sage die ersten beiden, ich bin der Größte und der Tollste.
00:06:01: Das muss nicht unbedingt falsch sein.
00:06:03: Im Lehrbuch steht eine mäßige Selbstüberschätzung ist völlig normal, Betonung auf mäßig.
00:06:10: Und der dritte Satz, ich werde heute so und so viele Abschlüsse machen.
00:06:13: da wäre ich entsprechend vorsichtig, weil das müssen wirklich realistische Ziele sein.
00:06:17: Wer dann immer meint, ich muss mich heute total verändern, also ich kenne das aus der Beratung von besonders schüchternen Leuten, die jetzt plötzlich wahnsinnig aus sich rausgehen wollen und die großen Netzwerker werden oder Menschen, die tatsächlich ein bisschen Probleme in der Alltagsstruktur haben, sagen, boah, heute werde ich disziplinieren.
00:06:34: Und die wollen das ja nicht... aus sich heraus werden, sondern die wollen ein äußeres Ziel erreichen und am Ende steht die Zufriedenheit.
00:06:42: Und der Trick an der Geschichte ist, nein, dadurch wird man nicht zufrieden.
00:06:47: Okay, jetzt reden wir ja gerade an dieser Stelle über den Punkt, warum Positives Denk nicht immer hilfreich ist.
00:06:53: Da müsste man sagen, sind wir Deutschen doch eigentlich so eine Art Weltmeister drin, weil wir gelten doch international als Pessimisten, als Zögerer, als Negativdenker, als Problemsucher und auch Problemfinder.
00:07:05: Also da sind wir wirklich absolut große Klasse da drin.
00:07:07: Also ich bin auch in einer Familie aufgewachsen, die in dem Punkt wirklich sowas von Deutsch war.
00:07:12: Das kann man sich gar nicht mehr vorstellen.
00:07:14: Ja, also es gab wenig positive an allem.
00:07:17: Alles wurde rumgenurgelt und es wurde zur Katastrophe hochstilisiert.
00:07:22: Also die konnten das wirklich ganz paar Exzellents und ich habe mich als Kind schon immer gefragt, warum hier eigentlich keiner zufrieden und fröhlich ist.
00:07:30: Und dann bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass man da doch noch so ein bisschen was machen muss.
00:07:35: Aber jetzt kriegen wir den Bogen natürlich zur Feinschaft.
00:07:37: Welche Rolle spielt die Feinschaft da drin?
00:07:39: Genau,
00:07:39: der Trick an der Geschichte ist... dass ich mich nicht über jedes und alles ärgere, sondern dass ich die Feinde über die ich mich ärgere, wo ich Energie reinstecke und sage, hey, dagegen möchte ich was machen, dass ich die besser aussuche.
00:07:51: Das ist mein persönliches Rezept an der Geschichte, dass man sich eben nicht an Sachen abarbeitet, die man eh nicht ändern kann oder die total schwierig zu ändern sind oder am besten noch eigene Unzulänglichkeiten, über die man sich jeden Tag ärgert, sondern dass man wirklich sich überlegt, okay.
00:08:07: Was könnte mich motivieren als Gegner?
00:08:10: Sind es Kolleginnen und Kollegen, die nicht so arbeiten, wie ich das gerne hätte?
00:08:13: Kann ich gegen die was machen?
00:08:15: Kann ich anders arbeiten, die überholen?
00:08:17: Oder kann ich Aspekte in meinem Umfeld einfach verändern?
00:08:21: Kann ich mal den Job wechseln oder mir ein neues Hobby zu legen oder solche Sachen anstatt immer so sich über Sachen zu ärgern und abzuarbeiten, die man eh nicht ändern kann?
00:08:29: Also ich bin für eine Triage der Feinde.
00:08:32: Okay, lassen wir das mal so stehen.
00:08:33: Die Heavy User der Nahbetrachtung wissen natürlich, dass ich häufig mit politischen Beispielen und aus der politischen Ecke komme.
00:08:40: Das möchte ich auch an dieser Stelle mal machen, und zwar diese produktive und desultiven Konflikte in der Demokratie mal kurz anzusprechen.
00:08:47: Denn Streit ist ja grundsätzlich erst mal kein Scheitern des Diskurses, sondern demokratisches Grundnahrungsmittel, also gewissermaßen der Boden, auf dem sozusagen Ideen greifen können.
00:08:57: und wer etwas über die Jahrzehnte der Bundesrepublik Deutschland drüber schaut, Der wird auch feststellen, dass Parteien durchaus auch Positionen anderer Parteien angenommen haben, die sich vielleicht in den neunzelnein achtziger Jahren oder neunzelnein neunzelnein neunziger Jahren noch relativ unversöhnlich gegenübergestanden haben.
00:09:13: Und deshalb sage ich mal eine gesellschaftliche Pluralität kann natürlich sehr... produktiv sein, wenn Konflikte als fairen Wettstreit ausgetragen werden.
00:09:23: So, und das ist jetzt ein entsprechender Punkt.
00:09:25: Wir sind meiner Ansicht nach schon leicht über eine Grenze hinweg gekommen, wo wir sagen, dass Konflikte eher zerstörerisch ausgetragen werden, auch und gerade im politischen Umfeld.
00:09:36: Und wir müssen allerdings auch überlegen, dass ohne Konflikte es in der Geschichte der Bundesrepublik kaum gesellschaftliche Integration, moderne Demokratien leben gerade zu.
00:09:47: davon und setzen sozusagen diese Auseinandersetzungen als Ja, Fundament gewissermaßen voraus.
00:09:55: Jetzt gab es ja vor einigen Tagen die Debatte darüber.
00:09:59: Da hat ein AfD-Abgeordneter ein Ordnungsruf kassiert und dann ist man von Medienseitemanns Archiv gegangen und hat festgestellt, den Ordnungsruf, der für den er hier bestraft worden ist, das war eine Aussage, die ging in die Richtung Holdoch.
00:10:13: So was Ähnliches hatte Julia Klöckner, die jetzt Bundestagspräsidentin ist, vor vielen Jahren auch schon mal gesagt und da war eine Grüne.
00:10:20: war sozusagen, hatte den Vorsitz der parlamentarischen Sitzung und dafür hat Frau Klöckner damals keinen Ordnungsruf kassiert.
00:10:28: Das heißt also, da verändert sich etwas in der gesellschaftlichen Wahrnehmung.
00:10:32: Aber jetzt haben ja beispielsweise auch die Bundestagspräsidentinnen und Präsidenten haben ja auch gesagt, sie werden die Regeln schärfer einhalten, ist natürlich jetzt die Frage MC.
00:10:42: Bedeutet das, dass künftig die politische Debatte dadurch... sozusagen gewinnen wird, weil man ja dann die Debatte nicht mehr mit Kraft ausdrücken und prolligen Aussagen bestimmen kann, sondern man muss ja dann doch eher das sprachliche Floret bemühen als die Bazooka.
00:10:59: Vielleicht
00:11:00: muss man da ein bisschen reingucken, worauf diese Regeländerungen beruhen.
00:11:04: Die haben natürlich was mit der Zunahme der Ordnungsrufe zu tun und rein statistisch lässt sich ja feststellen, die Ordnungsrufe kommen mehrheitlich von der AfD.
00:11:12: Ein Teil kommt auch von der Linkspartei.
00:11:15: Das ist ein großer Teil des Parlaments, ist von der Ordnungsrufdebatte überhaupt nicht betroffen, weil die sich schon immer adäquat ausgedrückt haben.
00:11:22: Dazu muss man auch wissen, dass für die AfD Ordnungsrufe nicht nur einen Spontan ... gefühlsausbruch sind, weil man sich über irgendwas fürchterlich ärgert, sondern sie sind Teil ihres politischen Marketings.
00:11:35: Weil sowohl der Ordnungsruf muss nachher gepostet und verbreitet werden, um eben den politischen Gegner zu deservoieren, aber auch die Sanktionen des Bundeslandpräsidiums ist Teil ihres eigenen Marketings.
00:11:47: Da muss ich darüber noch aufgeregt werden, Widerspruch eingelegt werden, ältesten Rat.
00:11:51: Wenn ich das mal abfällig sagen darf, das ist politische Verklure und die AfD instrumentalisiert die Ordnungsrufe.
00:11:59: Überhaupt nicht neu.
00:11:59: Wir kennen das von vielen politischen Richtungen.
00:12:02: Ich kenne das aus dem Linkspopulismus.
00:12:04: Da wird so das Katze und Maus spielen mit der Polizei.
00:12:07: Wird auch hochstilisiert zu einem Marketing Aspekt.
00:12:10: Können wir also endlose Beispiele finden.
00:12:12: Es ist also nicht reserviert für Menschen des sehr weit draußen stehenden bürgerlichen Spektrums.
00:12:20: Das vorausgeschickt heißt natürlich, was mache ich denn als Bundestag jetzt damit, wenn sich eine Gruppe ein wichtiges Instrument für sich nutzt.
00:12:32: Und ich teile deine Vermutung, dass der qualitätsvolleren Debatte aus folgendem Grund nicht.
00:12:41: Ich glaube, dass es einfach so weiter geht und wir ein völliges Ringelbeats mit anfassen, um wie viele Ordnungshofe produziert die AfD in welcher Sitzungswoche haben werden.
00:12:51: Das ist meine skeptische Sicht.
00:12:52: Auf
00:12:52: der anderen Seite muss man natürlich sagen, die AfD funktioniert natürlich wunderbar auch als Feindbild, logischerweise.
00:12:59: Sie hat sich in dieser Rolle auch ganz gut eingerichtet.
00:13:01: Jetzt reden wir mal kurz über die Brandmauer.
00:13:03: Die These, gerade die Linken, brauchen eine stabile Brandmauer, weil dann sozusagen der letzten starken bürgerlichen Partei, nämlich der CDU, CSU und Fraktion, die Alternativen ausgehen.
00:13:16: Feinschaften sind.
00:13:17: Und damit und dadurch natürlich die eigene Bedeutung wieder zunimmt.
00:13:21: Das Feinde zur eigenen Identitätsfindung beitragen ist nun auch kein bisschen neu.
00:13:26: Also das haben wir zwischen links und rechts und zwischen den beiden großen Volksparteien SPD und CDU ja auch über Jahrzehnte in der Nachkriegsgeschichte gehabt.
00:13:35: Feinde von außen schließen die Reihen nach innen.
00:13:37: Alter Trick.
00:13:38: Also das ist jetzt keineswegs besonders originell oder neu.
00:13:42: Und ob die oder die struktuelle Linkengruppierungen es brauchen, müssen die selber beantworten, aber es wirkt halt extrem Identitätsstiften.
00:13:53: Also wir haben zwei Aspekte, die da extrem schwierig sind.
00:13:57: Auf der einen Seite stifte das Identität, sich von der AfD abzugrenzen.
00:14:02: Auf der anderen Seite befeuert es natürlich auch die Polarisierung.
00:14:06: und der dritte Effekt, der eigentlich eintreten sollte, nach Wunsch der Linken, nämlich eine Verringerung des Wählerzuspruchs, die tritt ja nirgendwo ein.
00:14:15: Das heißt, alles das, was bislang versucht worden ist, ob es jetzt die Ordnungsrufe sind oder die Brandmauer oder nicht zu irgendwelchen Veranstaltungen einzuladen.
00:14:24: Also, wir können, glaube ich, heute empirisch fundiert mitteilen.
00:14:28: Nichts davon hat die AfD-Wählerschaft entscheidend verringert.
00:14:32: Jetzt könnte man also sagen, die produktive Feindschaft geht an dieser Stelle einseitig zugunsten der AfD aus, sehe ich das,
00:14:37: weil die
00:14:37: Profitieren letztlich auch davon.
00:14:39: vom Wellerzuspruch auf jeden Fall.
00:14:40: Ja, was wir natürlich nicht wissen, ist, wie hätte sich die anderen Parteien entwickelt, wenn sie nicht mit dem Mechanismus nach innen die Reihen geschlossen hätten?
00:14:49: Also das ist jetzt so ein bisschen Kaffeesatzlesen, wenn die sehr zerfasert hätten, die viele verloren.
00:14:53: Also für die CDU kann man, glaube ich, sicher annehmen, dass in Westdeutschland die CDU eine, ich sage mal so, ein Abreisen der Brandmauer vermutlich politisch in vielen Ländern einfach schlicht nicht überlebt hätte, weil dann zu viele Leute gesagt hätten, Das ist nicht mehr mein Laden.
00:15:09: Das ist aber auch eine Vermutung an der Stelle.
00:15:12: Insofern die Brandmauer hilft, die die Reihen nach innen zu schließen.
00:15:17: Gehen wir mal von der AfD weg und gehen in die klassischen Lager, nämlich CDU, CSU und SPD.
00:15:23: Da hatten wir in den achtziger Jahren, hatten wir ja sozusagen grandiose Redeschlachten im Deutschen Bundestag.
00:15:29: und ich muss ganz ehrlich sagen, wir haben uns damals als Jugendliche sogar Schallplatten, also für die jüngeren Zuhörer, das ist ungefähr, was die Musik betrifft oder der Tonträger betrifft.
00:15:39: drei bis vier Generationen vor Spotify, haben wir uns Schallplatten gekauft über Redeschlachten im Deutschen Bundestag und die beiden Topredner.
00:15:46: Dort waren Franz Josef Strauß von der CSU und Herbert Wehner.
00:15:51: von der SPD, für den gewissermaßen der Seehammer-Kreis, der SPD schon rechtskonservativ gewesen wäre, also Herbert Wenner, Strammlinke, sozialdemokratische Ader.
00:16:00: Und die beiden haben sich ja nichts geschenkt.
00:16:02: Und man findet da auch noch im Internet durchaus die ein oder andere parlamentarische Debatte.
00:16:09: Keine Sorge mit ihrem Rechen, das ist alles in Ordnung.
00:16:11: Die wurden damals in schwarz-weiß übertragen.
00:16:14: Und da sind natürlich auch gegenseitige Beschimpfungen gewesen.
00:16:17: Also da hat man beispielsweise Strauß hat dann auch Wiener als geistigen Terroristen beschimpft.
00:16:24: Also für die Historiker hier unter den Podcast-Zuhörern, das war am thirteenth März, und Strauß hielt Wiener für eine Zumutung fürs Parlament und die Demokratie.
00:16:36: Und Vena natürlich umgekehrt genauso.
00:16:39: Und da wusste man einfach, wenn die beiden aufeinandertreffen, gibt's maximale Aufmerksamkeit, sowohl von der Bevölkerung, die damals am Fernsehen oder auch am Mittelwellenradio Bundestagsdebatten noch live mitverfolgt hat, zu großer Zahl, weil natürlich auch mediale Alternativen nicht wirklich vorhanden waren.
00:16:57: Aber dann hat natürlich sowohl CDU CSU davon profitiert als auch die SPD, weil dann wusste man, wenn die beiden sich in einem Thema ineinander verbissen haben, dann gibt es auch maximale mediale Aufmerksamkeit.
00:17:09: Ja, das gibt auch einen großen, also ich finde es auch immer gut, wenn Politik einen Unterhaltungswert hat.
00:17:14: Wenn man sagt, die beiden kommen, dann heißt es für mich, okay, ich möchte zuhören, mich interessiert das, ich nehme inhaltlich was mit und ich lerne auch noch was über rhetorische Schlachten.
00:17:22: Rhetorik ist jetzt erst mal nicht nett.
00:17:24: Also eine freundliche Rhetorik, da kann man ja auch zum Kaffee treffen, sondern politischer und politischer Wettbewerb, Ideenwettbewerb muss auch ausgefochten werden.
00:17:33: Also ich habe da selber auch mit großer Begeisterung teilgenommen, das ist ein sehr schöner Sport, wenn er korrekt ausgeübt wird.
00:17:38: Und ich glaube, der Unterschied zu den Diskussionen, die wir heute haben, ist, dass das Ausmaß an persönlicher Abwertung oder an Deservoierung von politischen Richtungen insgesamt einfach zugenommen hat.
00:17:52: Wenner und Strauss haben sich politisch bekämpft.
00:17:54: Die haben sich in politischen Inhalt nicht das schwarze Unterfingernage gegönnt und waren da wirklich und kämpften auch um die Sache, um die Durchsetzung von ihren eigenen politischen Positionen.
00:18:08: ich mir als Zuhörer, und ich bin wirklich ein großer Fan politischer Debatten, oft der Eindruck auf, es ging um so eine Art persönliche Vernichtung oder Abwertung.
00:18:17: Wie niedrig, wie sehr kann ich den anderen provozieren?
00:18:20: Wie sehr kann ich mich über den anderen erheben?
00:18:22: Wie sehr kann ich die politische Richtung deservoieren?
00:18:28: Und das scheint mir der Unterschied zu sein.
00:18:30: Das wird ja auch mal gesagt, ja, früher war das noch irgendwie auch irgendwie noch alles anders.
00:18:35: Teile das nicht.
00:18:36: Und ich bin mir auch nicht sicher, ob das jetzt eine Heroisierung der Vergangenheit ist.
00:18:40: Aber die muss in der Sache hart zueinander stehen.
00:18:46: Man darf sich auch mal gegenseitig ein mitgeben.
00:18:49: Es darf aber nicht der Grundkonsens der politischen Debatte sein.
00:18:53: Und ich glaube, da sind Grenzen überschritten worden, so dass die politische Debatte auch nicht mehr interessant ist.
00:18:59: Also wenn ich eine politische Debatte habe, die ich quasi selber skripten kann, weil ich schon weiß, von welcher Ecke hoch... oder irgendwelche Abwertungen kommen.
00:19:07: Dann brauchst du nicht mehr gucken.
00:19:08: Das ist genau der Punkt.
00:19:09: Und deshalb bin ich auch dafür, dass die Regeln verschärft werden im Deutschen Bundestag, damit man sozusagen nicht mehr über die Person, sondern über das Sachargument entsprechend argumentieren muss.
00:19:18: Das war nämlich zum Beispiel auch etwas, was bei Strauß für die SPD sehr von Vorteil war.
00:19:22: Also deshalb beim Thema produktive Feindschaft sehe ich gerade diesen Aspekt ganz, ganz weit vorne in der Politik.
00:19:28: Wenn Strauß nämlich losgelegt hat, musste die SPD ihre Argumente verdammt schärfen, mehr halten sichern und Widersprüche ausbügeln und umgekehrt zwangen Wenner.
00:19:38: sich auch zu entscheiden.
00:19:39: Zündeln Sie jetzt hier nur für den Applaus der eigenen Fraktionen im Deutschen Bundestag oder sind Sie bereit Verantwortung für das System zu übernehmen?
00:19:47: Ich darf daran erinnern, dass es daher durchaus auch mal ein paar Jahre sozialdemokratische Kanzler am Stück gab.
00:19:54: Und genau diese Reibung zwischen diesen beiden Kontrahenten, die natürlich dann auch von ihren Fraktionen bewusst ins Feld geschickt wurden, haben Debatten oft klärender gemacht als das, was wir heute sehr häufig hören, wenn dann jemand sagt, ja, wir nehmen ihre Anregung gerne mal mit.
00:20:09: Also das kann man mal sagen, wenn man besonders aufgeregten Parlamentarier so ein bisschen ab... Perlen lassen möchte, aber das ist keine Qualität der politischen Debatte.
00:20:18: Und ich habe heute eher den Eindruck, dass die Positionen im Vorfeld schon geklärt sind, weil man das in den Talkshows gemacht hat oder in den Hinterzimmern oder in den Fraktionssälen und dass dann die parlamentarische Debatte nicht mehr wirklich eine Debatte ist, sondern nur noch eine Vertonung dessen, was man vorher schon festgelegt hat oder vielleicht auch nur um den ein oder anderen Clip-Out für TikTok, Instagram, Reels oder Shorts.
00:20:42: zu generieren.
00:20:43: Und da müssen wir von weg.
00:20:44: Wir brauchen wieder die produktive Feindschaft im wirklich konstruktiven Sinne in der parlamentarischen Debatte, damit auch Politik wieder etwas mehr an Glaubwürdigkeit gewinnt.
00:20:55: Wir brauchen auch präzisere Formulierungen in der Sache.
00:20:58: Wir haben ja jetzt über persönliche Abwertungen gesprochen, die in der Sache gar nichts aussagen.
00:21:03: Die sind völlig austauschbar.
00:21:04: Was ich heute auch vermisse, sind politische Zuspitzungen auch zu komplexen Themen wie Werbpflicht, wie Haushaltsdisziplin, wie Schuldenbremse, wie Krankenhausreformen.
00:21:14: Das sind alles sperrige Sachen, die sich nicht auf einfache Formeln bringen lassen.
00:21:18: Und da erlebe ich als Zuhörerin extreme Defizite.
00:21:24: Politikerinnen und Politiker, Farbe egal, dieses Rumgeeier, dieses Unpräzise vor sich hin labern, dieses vergehen in absolut abstrakten Formulierungen, dass insgesamt, ich sage mal, ein Beispiel, was jetzt frisch erfunden ist, die Infrastrukturmaßnahmen unter Berücksichtigung der föderalen Richtlinien natürlich in Zukunft besonders deutlich zur Verbesserung der Bildungspolitik dienen sollen.
00:21:48: Mit so einem Satz kann kein Mensch irgendwas anfangen, ich stimmt das auch irgendwie.
00:21:52: Und das, was fehlt, auch gerne real oder instattauglich, sich politisch präzise zu äußern.
00:22:02: Liegt es vielleicht auch daran, dass wir immer häufiger sagen, du hast eine andere Meinung als ich und ich blockiere dich jetzt oder ich rede nicht mehr mit dir oder du gehörst nicht mehr zu unserer inneren Gruppe?
00:22:12: Ich tue ein neues Argument rein.
00:22:14: Ich glaube, Politikerinnen und Politiker haben oft einfach Angst, sich ganz krass zu positionieren.
00:22:19: Ach so, ich war jetzt schon von den Politikern gedanklich wieder weg.
00:22:22: Hätte ich vielleicht etwas deutlicher sagen sollen.
00:22:24: Mit wir meine ich jetzt Gesellschaft.
00:22:26: Also Politiker natürlich auch, aber nicht in der Rolle als Politiker.
00:22:30: Klar, wir haben die Tendenz, dass wir in Präsenz fürchterlich rumeiern und online sich der eine oder andere mal wie eine offene Hose benimmt.
00:22:37: So jetzt kann ich ja immer so deutlich sagen.
00:22:39: Also ich erlebe das ja auch immer wieder, dass man in Präsenz noch so halbwegs freundlich miteinander umgeht, weil man eben nicht bloß gestellt werden möchte für seine Ansicht oder nicht komisch angeguckt sei, na wie bist du denn drauf?
00:22:52: Und dass man online dann richtig drauf haut, das trifft nicht auf jeden zu, gibt ja auch viele, die ganz bewusst online... Debatten in irgendeiner Form vermeiden.
00:23:02: Aber die Vorsicht, die ich durchaus erlebe in bestimmten Kreisen und sage, na, ich weiß ja nicht, wie die drauf sind, da sage ich lieber nix.
00:23:09: Und halt mit meiner Meinung so ein bisschen hinterm Berg, das erlebe ich durchaus.
00:23:13: Das macht das natürlich auch ziemlich langweilig, wenn immer so alles sein kann und so eine so eine Hyper-Toleranz da sich den Weg bat.
00:23:21: Das mag für einen Smalltalk, wenn man sich nicht gut kennt und sowieso nur kurz aufeinander trifft, ganz adäquat sein.
00:23:27: Aber wenn ich mich mal richtig mit jemandem unterhalten Ich möchte Kolleginnen und Kollegen, Nachbarin, Nachbarn und sagen, mich interessiert wirklich, was du zu bestimmten Themen denkst.
00:23:35: Dann wäre es natürlich schön, wenn man da mal auch mal ein bisschen Farbe bekennen würde zu dem einen oder anderen Thema.
00:23:41: Und ich glaube, es kommt noch was weiteres hinzu.
00:23:45: Dadurch, dass wir unglaublich viele komplexe gesellschaftliche Fragestellungen haben, fehlt bei einigen auch.
00:23:52: Ich bin jetzt mal etwas kritisch und sage so ein bisschen das Hintergrundwissen.
00:23:55: Da könnte ich jetzt keinen Vergleich zu früher geben, aber ich habe den Eindruck, dass sich früher mehr Leute die Mühe gemacht haben und zu sagen, ich möchte ein politisches Phänomen auch verstehen.
00:24:05: Ich schlage mal die Tageszeitung auf.
00:24:07: frag mal jemanden, der sich mit dem Bereich besser auskennt.
00:24:11: Und ich glaube, dass wir heute viele gesellschaftliche Fragen haben, wo die Leute einfach kognitiv lost sind, weil ihnen die Geschichte dazu fehlt.
00:24:19: Ich hatte früher mal einen Kollegen, der war so zwanzig, dreißig Jahre älter als ich, als ich als junger Journalist in einer politischen Redaktion gearbeitet habe.
00:24:26: Und der war... komplett einer anderen politischen Meinung als ich.
00:24:30: also wir wären politisch niemals wären wir auch nur ansatzweise synchron gekommen.
00:24:35: Aber ich habe ihn sehr geschätzt, weil es ein sehr sehr guter Journalist war.
00:24:38: Und ich habe das sehr geschätzt, weil ich wusste genau, wenn er einen Kommentar von mir gegengelesen hat und er hat sich aufgeregt, dann wusste ich, ich habe es gut gemacht.
00:24:47: aus meiner Sicht und umgekehrt kann er aber auch mal mit dem einen oder anderen Text und hat.
00:24:52: mich mal gebeten, drüber zu schauen.
00:24:54: Und wir wussten genau, also das wäre zum Beispiel etwas, wo ich sage, ist geschätzter Kollege, aber trotzdem produktiver Feind, weil wir wussten, wir sind komplett hundert-achtzig Grad auseinander, weiß ich nicht, doch, ne?
00:25:06: Hundert-achtzig Grad.
00:25:07: Das kommt hin.
00:25:09: Und das war natürlich eine extrem konstruktive Auseinandersetzung.
00:25:13: Und man wusste genau, er kann mich nicht überzeugen, ich kann ihn nicht überzeugen.
00:25:17: Aber ich habe das Gefühl, dass ich auch aus vielen Gesprächen, ich hoffe, dass ihm das bei dem einen oder anderen mit mir auch so gegangen ist, dass ich aus vielen Gesprächen mit diesem Kollegen trotzdem schlauer rausgekommen bin, weil ich dann zum Beispiel auch schwächen meine eigenen Argumentationen besser aufgezeigt bekommen habe.
00:25:31: Aber das war halt durch den Austausch möglich.
00:25:34: Der geht uns heute in der Gesellschaft viel zu sehr ab.
00:25:36: Ja, deswegen suchen wir uns auch die falschen Feinde.
00:25:38: Also das war das, was ich ja vorhin sagte, suchen Sie sich Feinde, an denen Sie sie weiter wachsen können.
00:25:44: Eben zum Beispiel die eigene Argumentationen testen.
00:25:47: Ich muss nicht immer Leute um mich herum haben, die mich toll finden und meine Ansicht sind, weil meine Ansicht kann ich schon selber.
00:25:52: Hier Churchill, wenn zwei eine Ansicht sind, ist eine überflüssig.
00:25:55: Das ist nicht das Original-Zitat.
00:25:57: Ich habe es jetzt mal etwas frei übersetzt.
00:26:00: Aber das bringt uns nicht weiter.
00:26:02: Das heißt, wenn ich... eine Gegnerschaft habe zu jemanden, der wirklich eine völlig andere Position hat.
00:26:07: Ich erlebe das auch im Beruf, wo ich sage, boah, diese Leute finde ich besonders spannend.
00:26:10: Die gehen einem natürlich auf den Keks, weil es angenehmer ist, wenn einem einmal zustimmt.
00:26:15: Aber daran kann ich nicht wachsen.
00:26:16: Ich habe das kürzlich an mir selber erlebt.
00:26:19: Da habe ich einen Vorschlag gemacht für ein Projekt und habe das ausgearbeitet und war mir sehr unsicher, ob ich da auf dem richtigen Pfad bin.
00:26:25: Und ich so quasi, so, ich alleine, mein Computer, hab das so fertig geschrieben, hab das dann im Gremium vorgestellt.
00:26:32: wurde alles im Großen und Ganzen so übernommen.
00:26:35: Und ich dachte mir, das ist nicht gut.
00:26:36: Das fühlt sich nicht gut an.
00:26:37: Ich hätte mich besser gefühlt, wenn ich dachte, da, ich glaube, der dritte Punkt da, da müssen wir nochmal ran.
00:26:42: Das scheint mir nicht adäquat und passend zu sein.
00:26:46: Insofern.
00:26:48: muss man sich Feinde aussuchen, die man wirklich dann auch akzeptiert, wo man sagt, genauso wie bei dem Kollegen.
00:26:53: Den dessen Haltung mag ich nicht, deren Arbeitsweise ist nicht meins oder ich kann mit dem Inhalt nicht umgehen, aber die bringen unglaublich weiter besser als irgendwelche Leute, die alles toll finden.
00:27:07: Und auf der anderen Seite muss ich aber die Energie auch aufwenden, aufzuhören, mich über Sachen aufzuregen und an denen abzuarbeiten, die ich strukturell nicht ändern kann.
00:27:16: Also ich nenne das immer strukturell.
00:27:18: Hemmnisse, die es im Beruf gibt in den Familien überall.
00:27:22: Die müssen mit denen muss ich leben.
00:27:24: Take it or leave it.
00:27:25: Ich habe noch zwei Beispiele aus den Medien, die ich gerne platzieren möchte.
00:27:29: Zunächst mal nur das erste davon.
00:27:31: Und zwar Günter Wallraff und die Bildseite.
00:27:34: Günter Wallraff, Investigator-Tiefjournalist, viele Zuhörerinnen und Hörer kennen ihn wahrscheinlich aus dem Team Wallraff von RTL.
00:27:42: Aber Günter Wallraff hat in den Sebziger, Achtziger Jahren sich unter falschem Namen bei der Bildzeitung Hannover eingeschlichen unter dem Deckname Hans Esser und hat sehr, sehr viele dunkle Machenschaften der Bildzeitung aufgedeckt.
00:27:53: Das hat zu einer, hat jetzt in die Bild nicht unbedingt zu einer Fahrtfinale Zeitung gemacht, aber hat doch im deutschen Journalismus sehr, sehr viel bewegt.
00:28:01: Also ich kann nur den Klassiker empfehlen, der heißt der Aufmacher, da ist das entsprechend beschrieben, der Mann, der bei Bildhandsesser passt.
00:28:11: So, jetzt weiß man natürlich über Jahrzehnte hinweg, gibt es eine Feindschaft oder eine Gegnerschaft zwischen Günter Wallraff gewissermaßen als Einzelperson und dem großen mächtigen Springerkonzern auf der anderen Seite natürlich angeführt von der Bildzeitung, immer noch einer der reich weitesten, reich weit stärksten Titel der Welt.
00:28:30: Und vor einigen Jahren hat ein ehemaliger Mitarbeiter von Günter Wallraff mir persönlich bekannt, hat mir auch damals Zugang zu Günter Wallraff verschafft, der Bildzeitung aus Rache gegenüber Günter Wallraff vertrauliches Material angeboten.
00:28:46: Und das war für Günter Wallraff durchaus so, wie man gehört hat, kompromittieren.
00:28:52: Was hat die Bildzeitung gemacht?
00:28:54: Das ist jetzt natürlich der Moment, wo man sagen kann, da könnte sich der große mächtige Springerkonzern auch tatsächlich an Günter Wallraff rechnen.
00:29:02: Und was ist passiert?
00:29:03: Der Springerkonzern oder die Bildzeitung, also einer von beiden hat das Material aufgekauft, hat sich die Rechte daran damit gesichert, die Exklusivrechte und hat die Dokumente anschließend Günter Wallraff persönlich übergeben.
00:29:19: Das finde ich ganz großartig.
00:29:21: Man hat zwar eine Feindschaft, man ist auf anderen Gegenden, aber man spielt immer noch fair.
00:29:28: Das finde ich unglaublich wichtig und das zeichnet auch eine produktive Feinschaft aus, eine Gegnerschaft, ein Wettbewerb, der Austausch aber auch die Fairness und die karakterliche Integrität.
00:29:37: Und deswegen kann man an produktiven Feinden wirklich wachsen, denn es ist ein Test für die eigene karakterliche Integrität, in dem Fall eines Unternehmens und natürlich auch der handelnden Personen, die für sich entschieden haben, dass sie eben diese Dokumente zurückgeben und nicht journalistisch verwerten.
00:29:54: Und das macht eine produktive Feinschaft aus.
00:29:57: diese Gegnerschaft, die werden nie gute Freunde werden und das ist völlig in Ordnung, aber dieser Respekt wächst, lässt Unternehmen, Organisationen und auch Einzelpersonen unglaublich wachsen.
00:30:09: und deswegen ist das, wie heute mit Feindschaft umgegangen wird, so auch in der Politik, der wird hier abgewertet, die finden nicht mehr statt, dann spricht man nicht mehr mit denen.
00:30:18: und was man sich noch alles für Maßnahmen ausdenken kann, ist überhaupt nicht gut, sondern viel besser ist es zu sagen, wie sie hoch.
00:30:26: Wir steigen gegeneinander in den Ring.
00:30:29: Und wenn es gleich noch die AfD-Frage kommt, nein, so einfach ist es mit denen nicht.
00:30:34: Na, die wollte ich jetzt aber auch nicht stellen.
00:30:35: Ich wollte noch Karl-Diekmann ins Gespräch bringen.
00:30:38: Karl-Diekmann, gewissermaßen Kult-Chef-Redakteur der Bildzeitung, der eine sehr bescheiden formulierte Autobiografie verfasst hat mit dem bescheidenen Titel Ich war Bild.
00:30:51: Und Kai Dickmann und die TATS, also die Bildzeitung und die linksalternative Tageszeitung, das sind natürlich, die sind auch in Berlin auf relativ engem Raum mehr oder weniger direkt gegenüber.
00:31:01: Das sind natürlich zwei absolute Topfeinde, wo beide Seiten, ich würde mal sagen, ähnlich wie Wiener und Strauss voneinander profitieren.
00:31:09: Und natürlich geht es der TATS finanziell etwas anders als dem Springerkonzern und man kann auch Anteile kaufen von der Tat.
00:31:17: Ich glaube, so ein Genossenschaftsanteil kostet fünfhundert Euro.
00:31:19: Das ist für Kai Dieckmann jetzt nicht viel Geld, also er ist auch Genossenschaftsmitglied bei der Tat.
00:31:23: Das heißt also, der scheint wohl da auch auf den Jahresversammlungen öfter auch mal aufzutauchen.
00:31:28: Aber die hatten sozusagen eine Auseinandersetzung.
00:31:32: Da ging es darum, dass die Tats aus privater Korespondenz von Kai Diegmann, wo er sich sehr offen zu sexuellen Inhalten geäußert hat, zitiert hat.
00:31:40: Das ist mit Sicherheit rechtlich umstritten.
00:31:44: Und die Tats hat dann auf die... klage von kei dikmann mit satire geantwortet hat an ihrem verlagshaus eine kei dikmann skulptur installation angebracht mit einem riesen penis.
00:31:56: also der riesen penis von kei dikmann in berlin an der wand war über lange zeit eines der herrschenden themen in der politischen auseinandersetzung zwischen taz und der bild.
00:32:07: und dann kam allerdings der Moment, wo man sagt, ist das noch Feinschaft oder ist das schon fast Hassliebe, dass Kai Dieckmann für eine Ausgabe die Chefredaktion der Tats übernommen hat.
00:32:18: Also Medien machen das ja schon mal gelegentlich, dass jemand zur Blattkritik von außen in die Redaktion kommt oder dass man mal jemand anders für einen Tag Chefredakteur sein ist.
00:32:28: Da ist natürlich noch ein Team drum rum, damit der Fachfremde sozusagen nicht größer und unfug anstellen kann.
00:32:33: Hier hatte man natürlich mit Kai Dieckmann tatsächlich jemanden vom Fach in der Chefredaktion der und Kai Dieckmann als großer Freund von Hermut Kohl hatte sich dann auch nicht nehmen lassen, Hermut Kohl auf die Titelseite zu heben, unter der Schlagzeile, heute gibt's Kohl.
00:32:47: Das war natürlich dann wieder so typisch tazslang.
00:32:50: und was die Taz bis heute noch umtreibt.
00:32:53: Diese Ausgabe, wo Kai Dieckmann, der Feind der Bildzeitung, Chefredakteur für einen Tag bei der linksalternativen Taz war, ist bis heute noch die mit Abstand am meistverkaufte Ausgabe, die es von der Taz jemals gegeben hat.
00:33:09: Ist das noch produktive Falschhaft?
00:33:10: Das
00:33:11: ist die höchste Form der produktiven Feindschaft.
00:33:14: Der
00:33:14: Olym, der produktive Falschhaft.
00:33:15: Der Olym,
00:33:16: der produktivten Feindschaft.
00:33:18: Eine Niederlage zuzufügen, die aus anderer Sicht betrachtet, wie da ein wahnsinniger Erfolg ist.
00:33:24: Und wir merken auch schon an der Freude, die du hast, die Story zu erzählen.
00:33:28: Und ich habe dabei sofort alle Medienschaffenden in Deutschland gesehen, die sich das Ding extra gekauft haben und Kiosk und so aus hingelegt haben, wenn sowas auch noch
00:33:37: Spaß... Ich hatte damals auch eine Ausgabe.
00:33:39: Wenn sowas noch Spaß und Freude man, höhere Wein kann man ja gar nicht mehr erreichen.
00:33:44: Und das Produktive.
00:33:45: Kai Lieckmann hat das Inleben der Tats, die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten von seiner Warte aus kennengelernt.
00:33:51: Die hat mal hier den Feind im eigenen Bett und konnten da mal gucken, wie der so tickt.
00:33:56: So einmal Kai Lieckmann anfassen.
00:33:59: Das ist unglaublich wichtig und die dürfen auch gerne auseinander gehen und sich nach wie vor für die nächsten tausend Jahre doof finden.
00:34:06: Was wir in einer weiteren Folge der Nahbetrachtung machen werden, ist zum Beispiel die konstruktive oder produktive Feindschaft in Büros, also in Betrieben.
00:34:15: Da werft ihr auch manchmal bewusst auf konkurrierende Teams gesetzt.
00:34:19: Das werden wir in einer weiteren Folge der Nahbetrachtung entsprechend beleuchten.
00:34:23: Was ich aber gerne zum Ende dieser Folge von dir mal wissen möchte und ich hoffe, dass du mir die Frage anschließend nicht stellst, hast du eine produktive Feindschaft?
00:34:33: Aber natürlich, also sowohl im Ehrenamt als auch im Beruf und natürlich auch im Alltag erleben, wo ich sage Mensch, der arbeiten wir noch mal aneinander.
00:34:44: Ich sage mal ein banales Beispiel.
00:34:47: Ich habe eine Hassliebe zu deutschen Bahnen wie viele andere, aber ich habe auch wirklich einen starken Liebefaktor und ich habe so den persönlichen Ehrgeiz und das ist so meine Feindschaft, die ich auch wirklich produktiv kultiviere.
00:34:58: Wie lange kann ich es noch aushalten bei meiner Art des Reisens und Lebens?
00:35:02: Auto zu besitzen.
00:35:03: Das ist zum Beispiel eine Feinschaft, wo ich mich auch oft ärgere und wo ich sage, was kann ich daraus produktiv machen?
00:35:09: Wie kann ich meine Ausrüstung verbessern, um besser mit Bahnverspätungen umzugehen oder besser planen?
00:35:14: Und man persönlich, Herr Ehrgeiz, jedes Jahr ist neu zu sagen, ja, auch dieses Jahr muss ich mir noch kein Auto kaufen, weil ich auf meiner wirklich großen und vielfältigen Mobilität noch so zurechtkomme.
00:35:27: Das ist zum Beispiel eine meiner produktiven Feinschaften.
00:35:30: Also dann möchte ich an dieser Stelle noch eine Anekdote über MC und ihre produktive Feindschaft loswerden.
00:35:37: Wir waren mal zusammen auf einem Seminar, wo wir als gemeinsame Referenten gebucht waren.
00:35:42: Und MC saß also ziemlich lange an ihrer Bahn-App und sie war irgendwie kombiniert mit Fahrrad und Bahn angereist, ich natürlich mit dem Auto.
00:35:50: Und dann sag ich, was machst du da?
00:35:53: Und das hat sie, ich gucke mir die Baureihen der Züge an, mit denen ich fahren kann.
00:35:56: Also wie so Baureihen der Züge.
00:35:59: Und dann hat sie mir erklärt, dass bestimmte Baureihen, dass sie anhand der Zug.
00:36:03: Bezeichnungen offenbar erkennen kann, wo man da und ob man da mit dem Fahrrad einsteigen kann oder nicht.
00:36:08: Also das würde mich komplett abätzen.
00:36:11: Da wäre ich sehr weit weg von einer produktiven Feindschaft, weil ich würde sagen, wenn ich ein Ticket habe und ich habe ein Fahrrad dabei, dann will ich auch, dass das in jedem Zug mitgenommen werden kann.
00:36:19: Aber offenbar ist da bei MC die Geduld oder der Geduldsfahren noch nicht ganz gerissen.
00:36:24: Nein, das macht, das ist für mich auch so eine Knobel-Aufgabe, das zu optimieren.
00:36:27: Und ich kann aber auch jeden Verstehen, der sagt, es geht auf dem Kekse, ich optimiere irgendwas anderes.
00:36:31: Und wie gesagt, mein Wettbewerb jedes Jahr neu zu sagen, auch in diesem Jahr muss ich mir kein Auto kaufen.
00:36:37: Also produktive Feindschaft im Büro machen wir in einer Extrafolge oder beziehungsweise im Unternehmen, in der Organisation.
00:36:42: Das war diese Folge der Nahbetrachtung.
00:36:44: Wenn Sie Anregungen haben, wenn Sie Lob haben, wenn Sie Beschwerden haben, schreiben Sie uns, Sie erreichen uns beide zeitgleich unter der E-Mail-Adresse Podcast.
00:36:53: Nabetrachtung.de.
00:36:57: Denken Sie bitte daran, diese Folge zu liken, den Kanal zu abonnieren, falls Sie es nicht ohnehin schon getan haben.
00:37:03: Und vielen ist bei Gedanken an Wettbewerb und Feindschaft natürlich unwohl.
00:37:09: Aber man darf durchaus etwas oder jemanden nicht mögen.
00:37:13: Aber auch aus Feindschaft muss man was Produktives machen.
00:37:15: Sie darf einen nicht auffressen, nicht abnerven und auf keinen Fall daran abarbeiten.
00:37:20: Und am Ende Muss man das Ganze so deuten, dass man Sieger bleibt.
00:37:24: Seien Sie Sieger, ein vielfältiger Hinsicht.
00:37:28: Und das wünschen wir von ganzem Herzen, weil die gute Laune muss auch jede Feinschaft mitnehmen.
00:37:34: Und das ist das Ende dieser Folge der Nahbetrachtung mit Medien- und Kommunikationstrainer Tom Buschardt.
00:37:40: Und unter psychologischer Betreuung von Maria-Christine Nenemafro.